
Bei einem kleinen Winterspaziergang fielen mir in einem dicken Totholz-Ast zahlreiche Löcher auf. Wer oder was könnte ihr Urheber sein? Insekten, Vögel, Pilze - oder doch etwas ganz anderes - etwas, das wir hier vor ein paar Jahren schon einmal vorgestellt haben?
Es gab mehrere dieser Krater-Cluster auf dem Ast. Aus der Nähe betrachtet wurde deutlich: Die Längsstruktur des Holzes ist an diesen Stellen nicht einfach unterbrochen, sondern das Holz scheint um die Löcher herumgewachsen, ihnen gewissermaßen ausgewichen zu sein:

Die Krater sind ganz schön tief und werden zur Oberfläche hin immer weiter:

Aus der räumlichen Struktur mit den Jahresringen im Inneren der Krater lässt sich eine mehrjährige zeitliche Abfolge rekonstruieren. Damit wären pickende Spechte, Borkenkäfer oder andere Käferlarven als Verursacher also ausgeschlossen.
In der Nachbarschaft einiger der Löcher hat das Holz Wirbel ausgebildet; das Ganze erinnert fast an Wasser, das von Steinen im Flussbett abgelenkt wird und hinter ihnen wieder zusammenströmt - oder auch an Landkarten mit Höhenlinien:

In der Nähe leuchtete mir in der Wintersonne ein Hinweis auf den Verursacher entgegen, eine perlenartige Mistelfrucht, die noch an einem heruntergefallenen Mistelzweig hing:

Im Jahr 2021 haben wir uns hier mit der Kugelgestalt der Weißbeerigen Mistel beschäftigt. Tatsächlich stammten die meisten Fotos in diesem Artikel von derselben Stelle, an der ich auch diesmal war: unterhalb einer riesigen, alten Scharzpappel zwischen dem Fort X, der Inneren Kanalstraße und dem Lentpark-Parkplatz im Kölner Agnesviertel.
Die Lochstrukturen haben typischerweise einen solchen Aufbau, bestehen also aus einem großen Krater in der Mitte und Serien kleinerer Löcher zu beiden Seiten:

Eine Abbildung aus einem Werk des Botanikers Julius Sachs, nämlich aus den 1887 in zweiter Auflage veröffentlichten "Vorlesungen über Pflanzenphysiologie", zeigt eine ganz ähnliche Struktur - nur dass die Mistel noch nicht abgefallen ist, sodass die Löcher noch mit ihren Wurzeln gefüllt sind:

Der große Krater in der Mitte im vorigen Foto ist von der Hauptwurzel (i) erzeugt worden; die kleineren Krater stammen von den sogenannten Senkern (e). Nach dem Befall des Wirts - hier eben einer Schwarzpappel - wachsen sowohl der Baum als auch die schmarotzende Mistel über viele Jahre weiter. Der Baum bildet an der Innenseite seines Kambiums (der Wachstumsschicht direkt unter der Rinde) immer neues Holz, und auch die Wurzeln der Mistel werden mit der Zeit kräftiger, was die Trichterform der Löcher erklärt: Der äußerste Jahresring des Pappel-Astes ist der jüngste, und je jünger das Holz, desto stärker ist auch die Mistel gewachsen, sodass das Gewebe des Wirtes immer weiter ausweichen muss.
Wie schon 2021 beschrieben, schaden einzelne Misteln einem gesunden Baum nicht merklich - aber diese arme Schwarzpappel hat ziemlich zu leiden unter der Last:

Nicht nur muss sie riesige Mengen an Wasser und darin gelösten Mineralstoffen an ihre vielen Parasiten abgeben: Sie wird auch anfälliger für Windbruch. Laubbäume werfen im Herbst ihre Blätter unter anderem ab, um den Herbst- und Winterstürmen weniger Angriffsfläche zu bieten. Und Schwarzpappeln mit ihrem weichen Holz zerbrechen ohnehin ziemlich leicht. Insofern kein Wunder, dass unter diesem Exemplar viel Totholz unterschiedlichen Alters liegt.
Wie sich die Misteln ausbreiten, habe ich schon 2021 erklärt: Im Winter fressen Vögel die Früchte und entledigen sich dann der grünen "Samen" (eigentlich Embryonen) in deren Inneren, entweder durch Abstreifen mit dem Schnabel oder nach der Darmpassage mit dem Kot. Besonders beliebt sind die weißen Früchte bei den großen, treffend benannten Misteldrosseln. Und siehe da, als ich heute bei einem weiteren Spaziergang in die Krone der Schwarzpappel schaute, saß da oben eine Misteldrossel:

Ich werde die vielgeplagte Schwarzpappel in den kommenden Jahren weiter beobachten. Bisher ist sie trotz der Schmarotzer vital, und das Grünflächenamt sägt regelmäßig nach den Winterstürmen angeknackste Äste ab, damit Spaziergänger wie ich sich weiterhin in ihre Nähe wagen können, ohne bei ihren Erkundungen erschlagen zu werden.
